Juni 2022


BYE BYE SPEICHE
Tributekonzert für Jörg "Speiche"Schütze"

So
19

20:00
Kesselhaus
Konzert

"Speiche", war eine Kultfigur der Blueszene im Osten. Er spielte Bass bei "Diana Show Quartett", prägte über viele Jahre die legendäre Bluesrock Band "Monokel" mit und gründete später "Speiches M.“.

Er spielte u.a. im Vorprogramm von "Molly Hatchet", "The Blues Band" u. "Status Quo".

Am Sonntag, den 19. Juni 2022 werden viele seiner Weggefährten und Freunde gemeinsam im Kesselhaus auf der Bühne stehen und ihm zu Ehren das von den Bluesern, Kunden, Fans und Musikfreunden erwartete Konzert spielen 

BYE BYE SPEICHE!

Bernd "Kuhle" Kühnert, BuzzDee Baur, Frank "Gala" Gahler, Bernd " Zuppe" Buchholz, Peter Schmidt, Heinz Glass, Jürgen "Jay" Bailey, Bodi Bodag, Big Joe Stolle, "Lello" Lojewski, Volkmar Große, Hannes Schulze, Ludger Wirsig u.a.

BYE BYE SPEICHE

- Nachruf von Michael Rauhut vom 31.05.2020 -

Speiche hat sich heute mittag im Kreise seiner Lieben in den Musikerhimmel verabschiedet.

Wenn Seelen wandern

Manchmal hole ich die alten Fotos vom Dachboden und steige in den Zeittunnel. Die Reise fällt nicht immer leicht. Ich sehe ausgelassene Gesichter, lange Haare, mit denen wir uns zentimeterweise Freiheit erkämpfen, das Glas halb voll, nie halb leer. Wie jung wir doch waren! Unweigerlich erklingt Musik. Sie ist der Fixstern, um den unser Leben kreist. Für viele bis heute. Wir sind die Eingeweihten, die Kinder einer imaginären Familie, den Anderen bleibt diese Welt verborgen.

Wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn nicht Monokel meinen Weg gekreuzt hätte, damals, in der brandenburgischen Provinz. – Ich trampe an vielen Wochenenden der Band hinterher, 1981 bin ich sogar beim fünften Geburtstag dabei. Er wird an einem winterlichen Sonntagnachmittag mit einem Konzert im Landhotel „Zum Stern“ gefeiert. Ein typischer Dorfsaal, wo man das Bier in halbvollen Pappbechern über den Tresen reicht. Broiler, Rotwein und Korn stehen ebenfalls auf der Karte. Der Kachelofen links neben der Bühne muss nicht geheizt werden. Ich erinnere mich kaum noch an die Songs, wohl aber an das Hochgefühl, das uns für ein paar Stunden fliegen lässt. Auf dem Heimweg schmettern wir bierselig: „Und ich schrei, weil ich lebe!“

Etliche Zeit später lerne ich Speiche persönlich kennen. Ich möchte mit ihm über die schwierigen, aber prägenden sechziger Jahre sprechen. Speiche lädt mich in seine Wohnung ein und beantwortet geduldig alle Fragen. Er blickt nicht im Zorn zurück und steht doch zu seinen Prinzipien. Speiches Weltbild scheint klar. Es ist von Liebe getragen, dem Wunsch nach Freiheit und Empathie. Seine Gefühle wurzeln direkt im Kern der Dinge, selbst wenn er die großen Worte scheut. Er hat einen wunderbaren Humor, der trocken und doch niemals respektlos ist. Nur die ohne Rückgrat nennt er „Mollusken“.

Für die Szene ist Speiche eine Integrationsfigur, die unbeugsame Autorität, ein sanfter Held. Man schaut gern zu ihm hoch, obwohl er sich selbst nie auf einen Sockel gestellt hat. Seine Fans lieben ihn durch alle Höhen und Tiefen hinweg. Er ist jemand, dessen Nähe man sucht. Wenn er seinen Bass zupft, fliegen ihm sämtliche Herzen zu. Er ist „unser Speiche“. Damals wie heute.

Ich weiß, dass ein Mensch kein Absolutum ist, sondern immer das, was man in ihm erkennt. Denke ich an Speiche, spüre ich Wärme. Ich sehe ihn auf der Bühne und hinterm Tresen, in seiner Berliner Kneipe. – Es ist weit nach Mitternacht, die anderen Gäste sind längst gegangen. Speiche legt die Platte „Black & White Blues“ von Eric Burdon und Jimmy Witherspoon auf. Jimmy klagt „Well, I’m Drifting and I’m Drifting“, dann setzt Eric ein: „Once upon a Time“… Der Song beginnt zu fließen, er trägt uns sanft in eine andere Dimension. Es ist egal, wovon die beiden eigentlich singen. Wir vernehmen auch so eine klare Botschaft, fühlen die Kraft von Leidenschaft und Liebe. Denke ich an Speiche, erlebe ich noch einmal diesen magischen Moment. Ich höre ihn leise mitsingen, seine Augen bekommen einen besonderen Glanz. Wahrscheinlich gingen uns damals ähnliche Dinge durch den Kopf und unter die Haut.

Im Juli 2019 treffe ich Speiche ein letztes Mal, bei der „Rock- und Bluesnacht“ in Spremberg. Er wird zur „Monokel All Star Session“ auf die Bühne gebeten. Gala findet die richtigen Worte: Ihr wisst ja, unserem Speiche geht es zurzeit nicht so gut. Umso mehr freuen wir uns, dass er heute hier ist. Er spielt jetzt ein paar Songs mit uns, vielleicht muss er sich zwischendurch mal hinsetzen. – Speiche bleibt stehen. Aufrecht wie immer, stolz und doch weich. Nach dem „Kindertraum“ wird er verabschiedet. Es ist ein banger Moment, man hört förmlich die hunderten Herzen pochen. Niemand schämt sich seiner Tränen. Und dann kommt Speiche doch noch mal zurück. Monokel schaltet einen Gang hoch, die Menge tanzt. „I Ain’t Gonna Work on Maggie’s Farm No More.“ Danach geht das Licht aus.

Ich werde Speiche immer vermissen, ihn weiter in meinem Herzen tragen. Lieber Speiche, danke für Deine Musik, die vielen guten Worte, das Lachen und die ernsten Gespräche, Deine Freundschaft. Was wäre ich ohne sie?

Dein Micha, 31. Mai 2020

 

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